Deutschlandradio Kultur

Deutschlandradio Kultur verleiht NEXT GENERATION eine Stimme, die weit über das Ruhrgebiet hinaus zu hören ist.

Deutschlandradio Kultur

Das Gedächtnis des Ruhrgebiets (zum „Länderreport“ am 5.7.10)

Die Autorin und Regisseurin Mirjam Strunk sammelt ein ganzes Jahr lang die Erinnerungen von Menschen aus dem Ruhrgebiet und macht daraus ein Theaterstück.

Obwohl es in Strömen regnet, stehen die Kunden Schlange am Gemüsestand von Wilhelm Holzapfel. Der Wochenmarkt in Essen-Altendorf ist auch bei Regen gut besucht – dicht an dicht stehen die Verkaufswagen und Stände: Fisch, Wurst, Käse, Obst – eine gute Adresse, um frische Lebensmittel einzukaufen. Die Kunden sind vollauf mit dem Einkauf beschäftigt, kaum jemand beachtet das merkwürdige Gefährt mitten auf dem Platz: eine Art Handwagen mit Deichsel aus weißem Metall: darauf in großen Lettern „Gedächtnis des Ruhrgebiets“. Gezogen wird der Wagen von einer zierlichen Frau mit braunen Haaren, Regenjacke und klobigen Wanderschuhen – Mirjam Strunk. Ein Jahr lang ist die Regisseurin und Theaterautorin im Ruhrgebiet unterwegs und sammelt Erinnerungen. Mirjam Strunk stellt sich am Gemüsestand von Wilhelm Holzapfel an. „Können Sie den Spargel empfehlen?“ Und schon hat die 35jährige den Gemüsehändler in ein Gespräch verwickelt. Dann fragt sie unvermittelt, ob ihm eine Erinnerung einfällt, die er archiviert haben möchte. Mirjam Strunk stellt sich mit ihrem Wagen unter die Markise des Gemüsestands, streift die Kapuze ihres Parkas ab. Sie trägt ein kleines Ansteckmikrofon an der Jacke, das dazugehörige Aufnahmegerät steckt in Ihrer Jackentasche. Damit zeichnet Sie die Erinnerungen ihrer Gesprächspartner auf. Wilhelm Holzapfel, Jahrgang 1937, muss gar nicht lange überlegen. Er reicht einer Kundin einen Bund Spargel, gibt das Wechselgeld raus und beginnt, aus seiner Jugend zu erzählen. „Wir haben als Kinder noch in Trümmern gespielt und Steine gesammelt. Für jeden Stein kriegten fünf Pfennig. Und davon konnten wir uns schon eine Kugel Eis kaufen.“

 

Mirjam Strunk nickt und blickt Wilhelm Holzapfel aufmerksam an, während er berichtet, wie sein Vater Ende der 40er Jahre sein Geschäft aufzog und mit Pferd und Wagen die Märkte in der Umgebung besuchte. Das „Gedächtnis des Ruhrgebiets“ ist Teil des Jugendprojekts „Next Generation“ der Kulturhauptstadt Ruhr 2010. Auf den ersten Blick passt es nicht so ganz zu der Idee, eine Zukunftsvision für die Jugend im Ruhrgebiet zu schaffen, da es Mirjam Strunk zunächst mal um den Blick zurück geht. Doch sie ist überzeugt: Eine Vision für die Zukunft kann nur entstehen, wenn man weiß, wie es früher war. „Die Erinnerungskultur in unserer Gesellschaft, auch in meinem eigenen Leben kommt zu kurz. Ich habe einen alten Schuhkarton von meiner Großmutter geerbt, und wenn ich den durchgehe, weiß ich bei den wenigsten Bildern, welche Erinnerungen sich dahinter verbergen.“

Die 35jährige hat bereits ähnliche Projekte realisiert. Ihre Spezialität ist das dokumentarische Theater: Sie sammelt Geschichten auf der Straße und bringt sie mit den Leuten, die sie erzählen, später auf die Bühne. So soll es auch diesmal sein – die gesammelten Erinnerungen sollen im November im Schauspielhaus Bochum aufgeführt werden. Wie das Stück genau aussieht, weiß die Autorin noch nicht, dafür muss sie erst noch weiter Geschichten wie die von Wilhelm Strunk sammeln.

Für das Gedächtnis des Ruhrgebiets kann man Erinnerungen nicht nur erzählen, sondern auch aufschreiben. Der Wagen lässt sich aufklappen wie ein Nähkasten mit lauter Fächern und Schubladen. Darin: Erinnerungskarten, auf denen jeder, der möchte, festhalten kann, was ihm wichtig ist. Etwa 1000 Karten sind schon voll. Volker, 67, schreibt über die rauchenden Fabrikschlote, die einst das Ruhrgebiet ausmachten und die ihm fehlen. Brigitte, 81, berichtet vom 6.November 1944 - der Nacht, als sie und ihre Familie in Gelsenkirchen ausgebombt wurden. „Da war ich im Bunker, der steht heute noch. Das war keine schöne Jugend.“ Es sind vor allem Kriegs- und Nachkriegsgeschichten, die Mirjam Strunk von älteren Leuten zu hören bekommt, die wenn sie einmal angefangen haben, oft stundenlang in ihren Erinnerungen kramen wollen.„Das ist das Schwierigste an meinem Projekt, dass ich die Leute mit ihren Erinnerungen, die ich hochgeholt habe, auch wieder alleine lassen muss.“ Doch Mirjam Strunk hat noch viel vor.371 Kilometer ist Mirjam Strunk schon von Wanne-Eickel, über Dortmund nach Essen gewandert – und ein paar hundert sollen noch dazukommen. Deswegen setzt sie auch die Kapuze wieder auf, schüttelt dem Gemüsehändler Wilhelm Holzapfel die Hand und zieht langsam mit ihrem Handwagen weiter. Nächster Halt: Duisburg.

 

Weitere Informationen unter www.gedaechtnis-des-ruhrgebiets.de

Schreibe einen Kommentar

Spamschutz