Deutschlandradio Kultur verleiht NEXT GENERATION eine Stimme, die weit über das Ruhrgebiet hinaus zu hören ist.
„Wir überspringen jetzt das Kennenlernen, wir legen gleich mit dem Spielen los.“ 14 Jugendliche sind es, die sich im Kreis auf der Probebühne des Schauspiels Bochum aufgestellt haben. Sie stammen aus Bochum, Essen und Duisburg. In der Mitte: Der Regisseur Nuran Calis. Der 35-jährige hat sich deutschlandweit einen Namen mit Jugendtheaterprojekten gemacht und bereits an vielen renommierten Häusern gearbeitet: Am Thalia in Hamburg, am Grillo in Essen, am Staatschauspiel Hannover. Seit Anfang des Jahres ist Nuran Calis im Ruhrgebiet unterwegs und hat verschiedene Jugendprojekte der Kulturhauptstadt besucht. Die jungen Teilnehmer hat er eingeladen, mit ihm für den Herbst ein gemeinsames Theaterstück zu schreiben und am Schauspielhaus Bochum aufzuführen. Dafür hatte er sie zuerst gebeten, ihm eine Frage zu beantworten: Was ist Dein Traum? Rund 50 Seiten haben sie ihm daraufhin per E-Mail geschickt. Darauf ihre ganz persönlichen Wünsche:
„Dass sich die Welt mal wenigstens nur für eine Woche verträgt! Das wünsch ich mir vor allem bei den Kurden und den Türken. Wenn wir Jugendliche uns meist immer vertragen: warum dann nicht alle?“
„Man muss mehr Geld ins Ruhrgebiet reinstecken - also weniger Geld in den Osten und keine Hilfe zu den Griechen.“
Aus diesen Texten wird der Regisseur gemeinsam mit den Jugendlichen ein Stück über ihre Zukunft schreiben. „Die Texte der Jugendlichen bleiben eigentlich so wie sie sind. Es geht nur darum, dass ich versuchen werde, den Abend in einen äußeren dramaturgischen Bogen zu bringen.“
Zunächst haben sich alle etwas schwer getan mit der Frage, berichtet die 17-Jährige Jessika aus Essen: „Erst mal fand ich das etwas komisch, weil man normalerweise nicht danach gefragt wird. Aber eigentlich finde ich es interessant, dass sich jemand für mich interessiert und dass es anscheinend jemandem wichtig ist, was ich für mich plane.“ Doch beim ersten gemeinsamen Treffen geht es zunächst nicht darum, weiter am Text zu feilen, sondern um etwas anderes: Die jungen Schauspieler sollen einander beim gemeinsamen Spielen und Improvisieren auf der Bühne kennenlernen. Der Regisseur deutet auf die Aufbauten am Rande der Bühne: Ein Holzgestell mit Stufen, das an die Zuschauerränge eines Amphitheaters erinnert. Nacheinander laufen die jungen Schauspieler die Stufen rauf und runter. Es geht darum, sich mit der Bühne vertraut zu machen. Fast alle haben bereits Theatererfahrung: Hassan und Omar aus Essen-Altendorf haben zum Beispiel im Rahmen der Ruhr 2010 ein Stück über das Viertel, in dem sie leben, geschrieben und aufgeführt. „Ich weiß nicht, was ich in der Zeit sonst gemacht hätte, in der ich nicht dahingegangen bin, aber es war auf jeden Fall sinnvoll – man kann schon sagen: Die haben Jugendliche von der Straße geholt.“ Bis Ende Oktober ist noch Zeit: Dann ist Premiere im Schauspielhaus Bochum. Bis dahin wird sich die Gruppe mehrmals in der Woche treffen und intensiv daran arbeiten, ihren Traum auf die Bühne zu bringen.