Deutschlandradio Kultur verleiht NEXT GENERATION eine Stimme, die weit über das Ruhrgebiet hinaus zu hören ist.
Ein Dokumentarfilm über die Lehrlinge des krisengeschüttelten Autokonzerns
Ein ungewöhnliches Jugendprojekt der Kulturhauptstadt Ruhr 2010: Im Bochumer Opelwerk begleiten zwei Filmemacher die Auszubildenden und sprechen mit ihnen über ihre Wünsche und Ängste.
Montagmorgen, kurz vor sechs: Die ersten Sonnenstrahlen fallen auf das Fabrikgebäude mit dem markanten Firmensymbol auf dem Dach: das „O“ mit dem Blitz. In kleinen Grüppchen gehen die Arbeiter über den Parkplatz zum Frühdienst ins Bochumer Opelwerk. Schichtbeginn auch für die rund 300 Auszubildenden des Standorts. Noch etwas müde laufen Christine, Sinan und Verena die lange schmale Straße entlang zum Werk II, ihrem Arbeitsplatz. Sie machen eine Ausbildung zum Mechatroniker oder Industriemechaniker. „Ich muss morgens um vier Uhr aufstehen. Danach frühstücke ich erst mal, schmiere mein Butterbrot, so um halb fünf bin ich dann mit allem fertig, mache mich auf den Weg“, erzählt der 17jährige André-Michael. So beginnt die erste kurze Reportage der Dokumentarfilmer Ulrike Franke und Michael Loeken. Ein Jahr lang begleiten die Beiden 30 Auszubildende bei Opel in ihrem Alltag, sprechen mit ihnen über ihre Träume. Am Ende soll ein Dokumentarfilm entstehen – im Rahmen des Jugendprojekts „Next Generation“ der Kulturhauptstadt, das von der Bundeszentrale für politische Bildung und den Dramaturgen des Schauspiels Bochum organisiert wird. „Wir wollen wissen, wie die jungen Leute in die Zukunft blicken, was ihre Wünsche sind, was ihre Ängste sind“, sagt Michael Loeken.
Bedenken des Opel-Managements
Doch bevor der Dreh überhaupt beginnen konnte, mussten die Dokumentarfilmer das Vertrauen der Geschäftsleitung gewinnen. Denn als die Idee für das Projekt im vergangenen Sommer entstand, steckte Opel bereits voll in der Krise. Der Mutterkonzern General Motors hatte angekündigt, die deutsche Tochter verkaufen zu wollen, die Bundesregierung dachte über Staatshilfen nach – und die Beschäftigten zitterten wie schon so oft um ihre Arbeitsplätze. Kein guter Zeitpunkt, um auf das Management zuzugehen und um eine Drehgenehmigung zu bitten. „Die haben gedacht: Wir wissen nicht, wie die Medienleute damit umgehen werden, wenn sich die Lage zuspitzt. Dann wären sie nicht vor dem Tor, sondern drinnen“, sagt der Filmemacher. Es kostete Ulrike Franke und Michael Loeken einige Überzeugungsarbeit, die Geschäftsführung für das Projekt zu gewinnen. Sie verpflichteten sich, nur über die Jugendlichen zu berichten, und die Manager gaben ihr Einverständnis für das ungewöhnliche Anliegen. Mehrere Besuche bei den Ausbildern waren nötig, und auch die ersten Gespräche mit den Protagonisten verliefen ohne Kamera, denn auch die Azubis mussten erst mal auftauen. Doch inzwischen haben die Dreharbeiten begonnen, die Jugendlichen haben sich an die Kamera gewöhnt und sprechen offen über ihre Wünsche. Die sind sehr konkret: heiraten, Kinder, ein Eigenheim, eine eigene Firma. Es ist ein positiver Blick in die Zukunft, den die Jugendlichen in den Interviews vermitteln – ganz anders als die Einschätzung der erwachsenen Kollegen, die die Dauerkrise des Konzerns seit vielen Jahren mitmachen und mehr als eine Entlassungswelle miterlebt haben. „Die Stimmung unter den Jüngeren ist zuversichtlich. Es wäre ja auch furchtbar, wenn diese jungen Menschen ständig in der Angst leben würden, dass alles den Bach runter geht. Irgendwie haben die sich eine gewisse Zuversicht und ein Vertrauen in sich selbst bewahrt“, sagt Michael Loeken.
Einmal Opelaner, immer Opelaner
Die Jugendlichen sind allerdings nicht naiv, sie wissen sehr wohl, wie die Lage auf dem Arbeitsmarkt aussieht und auch wie es um ihren Konzern steht. Obwohl sie sehr optimistische Vorstellungen von ihrer Zukunft haben, sprechen sie mit den Dokumentarfilmern auch offen über ihre Ängste. „Dass ich dann irgendwann zu Hause hocke, 100 Bewerbungen geschrieben habe und keinen Job bekomme“, meint Verena. Ob sie nach der Lehre übernommen werden, wissen die Auszubildenden nicht. Doch an eines glauben sie alle: Dass Opel eine Zukunft hat – mit einer Zuversicht, die Michael Loeken sehr erstaunt hat. Einmal Opelaner, immer Opelaner, der Spruch gilt auch für die Jugendlichen, meint der Filmemacher. „Opel ist im weitesten Sinn die Fortsetzung der Familie, da war der Opa bei Opel, da war der Vater bei Opel, und jetzt machen sie eine Lehre bei Opel. Man hat manchmal den Eindruck: Wenn sie Kinder haben, dann sollen die eigentlich auch noch eine Lehre bei Opel machen.“