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Deutschlandradio Kultur verleiht NEXT GENERATION eine Stimme, die weit über das Ruhrgebiet hinaus zu hören ist.

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Eine Zukunftsvision für die Jugend im Ruhrgebiet

Die ersten 100 Tage von „Next Generation“ der Ruhr 2010

Nervös rutscht Aria auf dem weißen Kunstledersofa hin und her. Verschämt blickt der 14jährige auf den aufgeklappten Laptop auf seinem Schoß, streicht sich die schwarzen Locken aus der Stirn. Um ihn herum stehen die übrigen Mitglieder der Hip-Hop-Band „x-Vision“ in dem gerade mal zwölf Quadratmeter großen Tonstudio im Jugendzentrum von Bochum-Wattenscheid. Sie warten gespannt darauf, dass Aria seinen ersten selbstgeschriebenen Song vorspielt. Doch Aria will nicht: „Der Song ist scheiße.“ Der Musikproduzent Omid Pouryousefi beugt sich über seine Schulter und schüttelt entschieden den Kopf: „Das ist Quatsch, spiel das jetzt vor, lass die anderen urteilen. Ihr müsst lernen, euch der Kritik zu stellen.“ Seit fast einem Jahr arbeitet der 37jährige hier mit rund 20 Jugendlichen zusammen. X-Vision ist eines von zehn „Zukunftshäusern“ der Kulturhauptstadt Ruhr 2010. Die Idee: Unter dem Motto „Next Generation“ sollen Jugendliche aus vier verschiedenen Städten im Ruhrgebiet ein Jahr lang gemeinsam Musik machen, Filme drehen oder Theaterspielen. Begleitet werden sie von professionellen Künstlern wie Omid Pouryousefi. Am Ende sollen zehn Premieren und ein gemeinsames Theaterstück aller beteiligten Gruppen stehen. Das Projekt wurde gemeinsam vom Schauspiel Essen und der Bundeszentrale für politische Bildung entwickelt. Das ehrgeizige Ziel: eine städteübergreifende Zukunftsvision für die Jugend im Ruhrgebiet, sagt Thomas Laue, Chefdramaturg am Schauspiel Essen: „Was passiert, wenn Leute, die zwar in einer Stadt, aber in dieser Stadt unter ganz unterschiedlichen Bedingungen leben, über Zukunft nachdenken? Kommen die alle auf die gleiche Vorstellung von Zukunft, entwickeln sie alle die gleiche Vision, oder haben sie die gleichen Sorgen und Ängste?“

Der große Auftakt war Ende Januar – einen ganzen Abend lang präsentierten die zehn Zukunftshäuser auf der Bühne des Essener Grillo-Theaters erste Songs, Tanzschritte und Fragmente selbstgeschriebener Theaterstücke. Seither sind drei Monate vergangen, in denen die Jugendlichen intensiv an ihren Projekten gearbeitet haben. Die Hip-Hopper von X-Vision wollen demnächst ein erstes Album herausbringen, in Essen-Altendorf feilen die Jugendlichen an der Schlussszene ihres selbstgeschriebenen Theaterstücks über ihren Stadtteil, und im Bochumer Opel-Werk beginnen Auszubildende des krisengeschüttelten Autoherstellers mit den Dreharbeiten für einen Film über ihre Zukunftsperspektiven. Allerdings arbeiten bisher die Jugendlichen in jedem der Häuser alleine an ihrem konkreten Vorhaben. Spricht man sie auf die Idee einer Zukunftsvision für ihre Generation im Ruhrgebiet an, zucken sie ratlos mit den Schultern. Mit dem philosophischen Anspruch der Organisatoren können sie bisher wenig anfangen. Sie definieren sich vielleicht noch als „Bochum-Wattenscheider“ oder „Essen-Altendorfer“ aber nicht als „Ruhrgebietler“. Auf die Frage, warum sie bei „Next Generation“ mitmachen, antworten sie wie die 16jährige Lea aus Essen-Altendorf: „Mich interessiert Schauspielen, Singen, Tanzen. Wie spielt man in einer Gruppe? Das ist ja noch was ganz anderes als wenn man so alleine spielt.“ Die einzelnen Projekte werden gut angenommen, die Jugendlichen sind mit Begeisterung dabei. Was bisher dagegen noch fehlt, ist der große Bogen, der aus „Next Generation“ dann wirklich ein städteübergreifendes Projekt für die Jugend im ganzen Ruhrgebiet macht, gesteht auch der Dramaturg Thomas Laue ein. „Wir arbeiten daran, spätestens im Sommer wird es regelmäßig gemeinsame Veranstaltungen aller Zukunftshäuser geben. Schließlich wollen wir herausfinden, was zum Beispiel die Jugendlichen aus Duisburg mit Jugendlichen aus Herne gemeinsam haben.“ Ein Ziel, das bewusst viel Raum für Gestaltung lässt. Denn die Organisatoren wollen den Jugendlichen keine zu festen Vorgaben machen. „Sonst bleibt kein Raum für Kreativität“, sagt Thomas Krüger, der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung: „Es gibt kein festgelegtes Bildungsziel, es geht vor allem, dass die Jugendlichen Selbstbewusstsein entwickeln, und zwar in ihrer Region.“ Im Fall von Aria ist das schon ein Stück weit geglückt. Als die letzte Note seines ersten eigenen Songs verklungen ist, klatschen die anderen. „Na bitte, war doch gar nicht so schlimm“, sagt der Produzent Omid Pouryousefi.

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