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Mehlwürmer zur Vorspeise – Jugendliche erproben die Wildnis im Ruhrgebiet

Das Heu will einfach nicht qualmen: Dabei dreht Leon den Birkenstock schon seit fünf Minuten mit aller Kraft auf einem Holzbrett mit Einkerbung, auf dem das trockene Gras liegt. Feuermachen ist gar nicht so einfach, stellt der 13jährige fest: „Es soll qualmen!“ Schließlich steigt Rauch aus dem Heubüschel auf, Leon wirft es auf das Brennholz, reibt sich die wunden Finger. Wildnistrainer Gernot Hardes klopft ihm auf die Schulter – gut gemacht. Acht Jugendliche sitzen um die Feuerstelle auf einer Lichtung im Emscher Bruch – einem Naturschutzgebiet bei Gelsenkirchen. Den ganzen Tag haben sie unter Anleitung von Gernot Hardes in der Natur verbracht: Sie sind auf Bäume geklettert, haben Biwaks gebaut und gelernt, wie man ohne besondere Hilfsmittel im Wald überleben kann. Für die Jugendlichen, die alle in der Stadt wohnen, eine neue spannende Erfahrung, erzählt der 18jährige Mark aus Essen. „Ich habe vieles gelernt. Ich fand es sehr faszinierend, was man alles in der Wildnis tun kann. Wie einfach man sich so eine kleine Hütte bauen kann, in der man dann ein paar Nächte drin schlafen kann.“ Das Feuer brennt, die Jugendlichen strecken ihre Füße in Richtung der Flammen. Die Sonne geht hinter den Bäumen unter, es wird kalt. Mirjam Strunk reibt sich die Hände, setzt sich zu den Jugendlichen. Die Theaterregisseurin hat sie zum Überlebenstraining eingeladen. Die 37Jährige ist das ganze Jahr über mit ihrem „Memomobil“ im Ruhrgebiet unterwegs: ein aufklappbarer Handwagen aus weißem Metall. Darauf die Aufschrift: Gedächtnis des Ruhrgebiets – ein mobiles Archiv, in dem sich Erinnerungskarten befinden. Knapp 500 Kilometer ist Mirjam Strunk schon durch die Region gewandert, hat die Menschen, die sie getroffen hat, gebeten, eine Erinnerung aufzuschreiben. Sie war auf Marktplätzen, in Einkaufspassagen, auf einem Binnenschiff und in einer Zeche. Und nun also auch mit Jugendlichen, die sie übers Jahr kennengelernt hat, in der Wildnis. „Das erste, was ich immer zum Ruhrgebiet höre, ist: Da ist es so schön grün. Daher wollte ich natürlich auch in das Grün hinein und gucken, wo es am wildesten ist. Und dann habe ich Leute gefragt, und da hieß es: hier, im Emscher Bruch, hinter Gelsenkirchen.“ Neben der Feuerstelle steht das aufgeklappte Memomobil. Es ist inzwischen gut gefüllt. Mehr als 1000 Erinnerungskarten sind schon voll. Die meisten Einträge stammen von älteren Leuten, die Erlebnisse aus der Nachkriegszeit festhalten wollen: „Wir wurden als Flüchtlinge nach dem zweiten Weltkrieg in Essen nicht freundlich von unseren Nachbarn empfangen. Wir wurden als Pollacken beschimpft. Dennoch fühle ich mich nach 60 Jahren heute dem Ruhrgebiet sehr verbunden und genießen die kulturelle Vielfalt dieser Region“, ist dort zum Beispiel zu lesen. Mirjam Strunk stellt einen Emailletopf ins Feuer. Darin: Brennnesseln und Wasser – die Nudelsoße für heute Abend. Leon und Richard rümpfen die Nase. Die Regisseurin setzt sich neben die beiden, schaltet das digitale Aufnahmegerät ein, das sie immer bei sich trägt. Denn neben den Erinnerungskarten archiviert sie auch Gespräche. Daraus soll eine akustische Installation entstehen, die am 19. November im Schauspiel Bochum ausgestellt werden soll. Mirjam Strunk wirft ein Stichwort in die Runde: Erinnerung sei wichtig zur Krisenbewältigung. Leon antwortet als erster. „Stimmt“, meint der 13Jährige:„Es gibt ja diesen Film ‚Die Welle‘ mit Jürgen Vogel, da haben die ganzen Schüler ja auch gedacht: Wir sind total aufgeklärt, das kann es nicht mehr geben. Und dann haben sie sich doch einer Diktatur unterworfen. Man muss einfach Erinnerungen haben.“Mirjam Strunk hört aufmerksam zu. Sie stellt nur gelegentlich eine Frage, nickt bedächtig, kommentiert die Antworten jedoch nicht. Sie will wissen, was ihre Gesprächspartner denken und sie nicht durch Einwürfe beeinflussen.Der Abend soll jedoch nicht zu nachdenklich werden. Deswegen holt Gernot Hardes die Vorspeise aus seinem Rucksack: ein Einweckglas voll mit Mehlwürmern. „Nein, das esse ich nicht!“ protestiert Leon. Mark, Richard und Cindy probieren. Als die Aufregung über die Vorspeise verflogen ist, schaltet Mirjam Strunk wieder ihr Aufnahmegerät ein und stellt die nächste Frage. „Und für die Zukunft, was wollt ihr für die Zukunft?“ „Ich will für die Zukunft, dass meine Kinder in genau solchen Verhältnissen aufwachsen können wie ich.“ „Ich will, dass man sich generell nicht so viele Sorgen machen muss.“ Mirjam Strunk blickt vom einen zum anderen – junge Leute, die meisten unter 18, alle gehen noch zur Schule, sie sind ehrgeizig und haben Berufsziele. Aber ein Thema ist immer präsent, sagt die Regisseurin: Angst vor der Zukunft. Egal, wo ich stehe, immer wenn ich frage: Was willst du? Und das sind ja noch nicht mal Zukunftsvisionen! Aber dass man immer bei Hartz IV landet.“ Mirjam Strunk schüttelt bedächtig den Kopf, stellt ihr Aufnahmegerät aus. Die Nudeln sind fertig und der Brennnesselspinat ist zumindest weich gekocht. Gleich gibt es Abendessen in der Wildnis des Ruhrgebiets.

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