Deutschlandradio Kultur verleiht NEXT GENERATION eine Stimme, die weit über das Ruhrgebiet hinaus zu hören ist.
Im Zukunftshaus Bochum-Wattenscheid lernen Jugendliche, wie man ein professionelles Musiklabel führt.
Jasmin streicht sich die langen braunen Haare hinter die Ohren, setzt die Kopfhörer auf, stellt das Mikrofon tiefer, bis es direkt vor ihrer Nase hängt. Die zierliche 14jährige steht in einer winzigen schalldichten Kabine – dem Aufnahmeraum des improvisierten Tonstudios. Sie blickt gespannt durch die Glasscheibe nach draußen. Dort sitzt der Musikproduzent Omid Pouryousefi am Mischpult: die schwarzen Haare Millimeter kurz rasiert, den Kinnbart akkurat gestutzt, schwarzes Basecap, randlose Brille. Der Regieraum ist gerade mal zwölf Quadratmeter groß. In der Mitte: Mischpult, Computer, zwei Flachbildschirme. Seit fast einem Jahr arbeitet Omid Pouryousefi hier im Jugendzentrum in Bochum-Wattenscheid mit jugendlichen Rappern. „x-Vision“ heißt das Projekt.
Das Jugendzentrum gehört zu den zehn „Zukunftshäusern“ von „Next Generation“ – einem Projekt im Rahmen der Kulturhauptstadt Ruhr 2010, initiiert von Schauspiel Essen und Schauspielhaus Bochum. Ein Jahr lang arbeiten Jugendlichen aus vier Städten – aus Essen, Duisburg, Bochum und Herne – an Ihren Visionen für die Metropole Ruhr. Kreative Zukunftsvisionen mit Theaterstücken, mit Musik, Tanz, Film und mehr.
Für die Jugendliche in Wattenscheid gibt es gerade mal drei Clubs in denen sie sich nach der Schule treffen können, nicht viel für ein Viertel mit mehr als 70.000 Einwohnern. Und so ist das Tonstudio von x-Vision eine beliebte Anlaufstelle geworden.
Omid Pouryousefi zieht den Regler mit dem Hintergrundgesang auf, Jasmin stimmt in den Refrain ein: „Von da wo ich komm, werden Menschen getötet, von da, wo ich komm, werden Waffen gebaut, von da, wo ich komm, wird der Frieden verachtet.“ Den Text haben die Jugendlichen selbst geschrieben – aus der Perspektive von Flüchtlingen aus Krisengebieten. Ein typischer Song von x-Vision. Anders als bei vielen Rappern geht es in den Songs nicht darum, andere herunterzumachen oder zu beleidigen. Omid Pouryousefi weiß, dass die Jugendlichen zu Hause oder mit Freunden härtere Texte schreiben und singen. Schließlich ist der 37jährige selbst Musiker und kennt die Szene. Das ist für ihn auch kein Problem, verbieten kann er es ihnen sowieso nicht. Hier im Studio sind Beleidigungen und Schimpfwörter allerdings Tabu. „Dieses Projekt ist ein Vorbildprojekt, wir sind eines der Zukunftshäuser. Wir unterscheiden uns dadurch, dass wir sagen: Öffne doch dein Herz.“
Inzwischen bekommt x-Vision regelmäßig Anfragen für Auftritte auf Schulfesten und Rap-Festivals. „Wir kommen kaum noch hinterher“, sagt Jasmin stolz, als sie aus dem Tonstudio tritt. Omid Pouryousefi nickt ihr zufrieden zu, „gut gemacht“, sagt er leise: „x-Vision hat mittlerweile so ein Niveau, wo wir Semi-Professionelle ansprechen. Die Leute, die sich bei uns melden, müssen eine gewisse Erfahrung haben. Wenn sie wirklich Anfänger sind, dann kommen sie hier nicht rein.“ Demnächst wird die Gruppe ihr erstes Album veröffentlichen und hofft auf einen Plattenvertrag. Jasmin begrüßt ihre Freunde Christo, Paris, Abed und Pascal, die inzwischen dazugekommen sind. Die Jungs gehören ebenfalls zum engeren Kreis von rund 20 Jugendlichen, die regelmäßig zu den Proben kommen. Pascal ist der einzige in der Runde, dessen Eltern Deutsche sind. Abeds Familie stammt aus dem Libanon, Jasmins Mutter ist Marokkanerin, der Vater Pole, Christo kommt aus Zypern, Paris‘ Eltern sind irakische Kurden. „Fast alle haben hier einen Migrationshintergrund. Das ist jetzt nicht spezifisch für x-Vision, sondern das betrifft ja die ganze Gesellschaft, insbesondere im Ruhrgebiet, insbesondere hier in unserem Viertel“, sagt Omid Pouryousefi, der selbst als 14jähriger aus dem Iran nach Bochum kam.
Genauso wenig wie die Herkunft bei x-Vision ein Thema ist, wird hier darüber gesprochen, auf welche Schule man geht. Paris ist auf der Hauptschule, Pascal auf der Berufsschule, Abed will Abitur machen und Grundschullehrer werden. Was hier zählt ist allein, ob man gut rappen kann. Omid Pouryousefi und Abed beugen sich über das Mischpult. Abed hat die Produktion des neuen Albums vorbereitet, der Produzent gibt Tipps. Der 18jährige Abed ist seit kurzem Mitglied in der Geschäftsführung: „Das läuft sehr, sehr gut. Wenn die Leute dann hören, dass ich nicht nur Teil der ganzen Sache bin sondern der Leiter – da kann man schon stolz sein.“ Demnächst soll eine Firma gegründet werden, damit die Jugendlichen auch Plattenverträge unterschreiben und die Miete für das Studio überweisen können. Denn am Ende des Jahres läuft Omid Pouryousefis Vertrag aus, dann sollen die Jugendlichen das Projekt alleine weiterführen, erklärt der Produzent:„Unser Ziel ist es, die Leute zu professionalisieren. Wenn es Ende 2010 zu Ende ist und die selbständig ihre eigene Show organisieren können, dann haben wir nachhaltig gearbeitet.“