Deutschlandradio Kultur verleiht NEXT GENERATION eine Stimme, die weit über das Ruhrgebiet hinaus zu hören ist.
Jugendliche aus Duisburg beim größten Jugendprojekt der Ruhr 2010
„Was ist dein Traum?“
Ratlos blicken sich Jeannette, Max und Christian an. Sie sitzen auf einem durchgesessenen Ledersofa im Keller eines Hochbunkers im Duisburger Norden. Vor ihnen steht der Theaterregisseur Nuran Calis, der zurzeit durch das ganze Ruhrgebiet reist und Jugendliche für ein Theaterstück gewinnen will. „Next Generation“ – die nächste Generation – heißt das Projekt und gehört zur Kulturhauptstadt Ruhr 2010. Das Ziel: Jugendliche aus dem ganzen Ruhrgebiet sollen ihre persönlichen Zukunftsvisionen auf die Bühne bringen. Damit können Jeannette, Max und Christian zunächst nicht viel anfangen. Traum? „Ich will auswandern“, sagt der 15jährige Tim. Nach kurzem Zögern pflichtet ihm Jeannette bei. „Mein Traum ist es, zu studieren und hier wegzuziehen. Hier ist keine Gegend, wo ich gerne mein Kind aufziehen würde, weil die Jugendlichen kaum Perspektiven haben.“ Hier – das ist Duisburg-Marxloh, ein früheres Bergarbeiterviertel. Der Anteil der Einwohner mit nicht-deutschen Wurzeln liegt bei 70 Prozent.
Deutschlands Brautmodenmeile Nummer 1
Für Jugendliche wie Tim und Jeannette gibt es hier kaum Freizeitangebote. Deswegen sitzen sie jetzt auch hier im Bunker und hören Nuran Calis zu. „Ich find’s toll, mal über unser Viertel nachzudenken“, sagt Tim. Denn das hat mehr zu bieten, als auf den ersten Blick scheint. In Duisburg-Marxloh gibt es deutschlandweit die meisten türkischen Brautmoden-Geschäfte. Mehr als 30 Boutiquen mit Hochzeitskleidern reihen sich auf der Weseler Straße aneinander – in den Schaufenstern findet alles sich vom blauen Tüllkleid mit Petticoat über Bonbon-rosa Seidenroben bis hin zu einem Pfauenkostüm mit Fledermausärmeln. Eine junge Verkäuferin steht vor einem der Läden, wartet auf Kundschaft und blickt kopfschüttelnd auf die fremdländischen Kennzeichen der Autos, die die Weseler Straße rauf und runter fahren auf der Suche nach einem Parkplatz. „Die Kunden kommen aus Holland, Belgien, Frankreich – aus der ganzen Welt. Die ganze Straße ist voll. Wenn jemand ein Brautkleid sucht, dann kommt er nach Marxloh.“ Wer nach dem Shoppen noch Zeit hat, macht einen Abstecher zur neuen Moschee, die vor knapp zwei Jahren eröffnet wurde. „Das Wunder von Marxloh“ wird sie genannt – da es im Gegensatz zu anderen deutschen Städten, in denen in den vergangenen Jahren große Moscheen gebaut wurden, keinerlei Proteste dagegen gab – im Gegenteil. In Marxloh sind auch die Deutschen froh über die Aufwertung, die ihr Viertel durch das muslimische Gotteshaus erfahren hat.
Nichts wie weg hier
Marxloh hatte bis vor wenigen Jahren den Ruf einer schmuddeligen Bergarbeitersiedlung mit grauen Häusern und leer stehenden Ladenlokalen. „Jeder der konnte, zog weg“, erinnert sich der türkischstämmige Filmemacher Halil Özet. Der 35jährige hat im obersten Stockwerk des Bunkers eine Fernsehproduktionsfirma gegründet und will mit den Jugendlichen einen Film über ihr Viertel drehen. Halil Özet ist in Marxloh aufgewachsen. „Nichts wie weg“, dachte auch er sich nach der Schule. Er machte eine Ausbildung als Kameramann und zog nach Köln. Vor ein paar Jahren ist er dann aber doch zurückgegangen in seinen Stadtteil. Denn seit hier Mitte der 90er Jahre der erste Brautmoden-Laden eröffnet hat, erlebt das Viertel einen bisher nie dagewesenen Aufschwung, der Halil noch immer begeistert. „Das Faszinierende sind die Menschen, die hier leben. Die machen voller Begeisterung einen Dönerladen auf und erzählen dir, sie hätten ihre Lebensaufgabe gefunden. Zwei Wochen später ist der Laden pleite, und der Typ hat ne Fahrschule aufgemacht. Und der erzählt dir wieder mit der gleichen Energie und dem gleichen Enthusiasmus, dass er seinen Traumjob gefunden hat.“
Lokalpatriotismus „Made in Marxloh“
Während Nuran Calis den Jugendlichen die Einzelheiten des Theaterprojekts erläutert, geht Halil Özet die Weseler Straße entlang zum „Design-Kiosk“, einer weiteren Marxloher Besonderheit. Denn dort gibt es neben Zigaretten und Zeitschriften ausgewählte Design-Produkte von Künstlern aus der Region – ein weiteres Kunstprojekt der Kulturhauptstadt. Halil Özet schleppt einen Haufen Jutebeutel mit – darauf ein stilisiertes gelbes Straßenschild, das eine Stadtgrenze markiert, darauf der Aufdruck: „Made in Marxloh“ - das Label seiner Produktionsfirma. Die will er im Kiosk zum Verkauf auslegen. „Wir haben einfach gedacht: Hier sind so viele Nationalitäten, was ist der kleinste gemeinsame Nenner? Marxloh! Made in Marxloh.“ Lokalpatriotismus für den Stadtteil, das ist die Mission des Fernsehmachers. Und dafür will Halil Özet eben auch die Jugendlichen mit seinem Filmprojekt gewinnen. Doch die grübeln jetzt erst mal weiter über der Frage: Was ist mein Traum? Vielleicht hat der ja am Ende doch was mit dem Stadtteil zu tun, in dem sie wohnen, hofft Halil Özet und schwenkt stolz einen „Made-in-Marxloh“-Beutel.