Zukunft braucht Erinnerungen: Mit ihrem Memo-Mobil sucht Mirjam Strunk nach dem Gedächtnis des Ruhrgebiets und sammelt unterwegs junge und alte Erinnerungen.
Mirjam Strunk wanderte mit ihrem Memo-Mobil von Januar bis November 2010 auf 498km kreuz und quer durchs Ruhrgebiet. Ihr Memo-Mobil, ein aufklappbarer Handwagen, den sie immer hinter sich herzog, ermöglichte ihr die Archivierung direkt vor Ort.
Mirjam Strunk traf so spontan und über das Jahr hinweg Hunderte von Menschen und kam mit ihnen ins Gespräch. Zudem traf sie ab und an konkrete Verabredungen. Sie führte Interviews mit: Kioskbesitzern, Parkourläufern, Stadtvertretern, Gesamtschülern, Tänzern, Fußballern, Pfarrern, Mechatronikern, pensionierten Bergleuten, Gedächtnistrainern, Taxifahrern, Kulturwissenschaftlern, Lehrern, Flohmarkthallenbesitzern, Architekten, Pommesbudenbesitzern, Frisören, Köchen, Großmüttern, Enkeln, Friedhofsgärtnern, Ingenieuren, Weltreisenden, Kleingartenvorständen, Wildnisexperten, Psychotherapeuten und Fahrgästen.
Auf ihrer Suche archivierte sie stillgelegte Erinnerungsschätze und unausgesprochene Zukunftsvisionen verschiedenster Altersgruppen und Kulturen in verschiedenen Formaten.
Auf über 1000 Erinnerungskarten, die an ihrem aufklappbaren Memomobil allerorts ausgefüllt wurden, sammelte sie handschriftliche Notizen. Eine in ihrem Handwagen sich befindende Videokamera zeichnete 64 Erinnerungsbotschaften auf. Die unter der Nummer: 0201-45320067 erreichbare Erinnerungshotline speicherte letztlich 132 Anrufe und Geschichten.
Unter www.gedaechtnis-des-ruhrgebiets.deveröffentlichte sie online regelmäßig ihr Wandertagebuch (Logbuch einer Suche, 98 Seiten) und die Menschen, die sie nicht persönlich treffen, haben hier auch die Möglichkeit, ihre Erinnerung schriftlich im digitalen Gedächtnis zu archivieren (159).
Ergebnis: Das Gedächtnislabyrinth - Eine interaktive Installation im Schauspielhaus Bochum zum durchwandern, niederlassen und neue Synapsen knüpfen.
Am Tag der Generationen, am 19.11.2010, präsentierten Mirjam Strunk und ihr Team ihre Fundstücke: Das Schauspielhaus Bochum wurde zum Gedächtnisraum, in dem Menschen, Geschichten, bewegte Bilder und Klänge den Prozess der einjährigen Suche dokumentierten. Die (Be-)Sucher fanden sich auf der Bühne inmitten eines großen „Gedächtnislabyrinths“ wieder, einer interaktiven Installation, die sie individuell durchwandern konnten. 62 Ruhrgebietler, die Mirjam Strunk auf ihrer Wanderung kennen gelernt hatte, verteilten sich auf die von der Bühnenbildnerin Cordula Körber konzipierten Gedächtniszellen. Als lebendige Erinnerungsträger standen sie ihrem Publikum als Gesprächspartner zu den verschiedensten Themen zur Verfügung und luden ein, zu verweilen.
Aus über 1000 Wanderfotos, 42 Stunden filmischer Wanderdokumentation und unzähligen Erinnerungsstücken in Glasbehältern zeigte die Installation eine Auswahl. Gelegenheit zum „Kollektiven Erinnern“ gab es in einer zwei Mal stattfindenden Show mit 21 Jugendlichen und einem 20köpfigen Bergmannschor, begleitet von einer 12jährigen Schlagzeugerin und ihrem Lehrer. Anschließend wurde auf der Bühne bei Erbsensuppe, Bier und Bunter Tüte gefeiert, aus dem Logbuch und dem Archivmaterial vorgelesen und Synapsen geknüpft.
Über eine museale und/oder auditive Weiterverwertung des Materials wird aktuell diskutiert.