GDR – Gedächtnis des Ruhrgebiets

Zukunft braucht Erinnerungen: Mit ihrem Memo-Mobil sucht Mirjam Strunk nach dem Gedächtnis des Ruhrgebiets und sammelt unterwegs junge und alte Erinnerungen.

GDR – Gedächtnis des Ruhrgebiets

  • B. Traven, 118
  • Zeitpunkt der Erinnerung:
    1906
  • Ort der Erinnerung:
    Gelsenkirchen
  • Wohnort: Mexiko
  • Tätigkeit: verstorben

Von Gelsenkirchen nach Mexiko

Als ich ein junger Mann war und noch meinen Geburtsnamen trug, OTTO FEIGE, habe ich eineinhalb Jahre als Geschäftsführer des Deutschen Metallarbeiterverbands in Gelsenkirchen gearbeitet. 1906 und 1907. Gewohnt habe ich in Schalke. Das Haus steht noch. Königsberger Straße. Hieß damals Victoriastraße. Mein größter Erfolg war der Klempnerstreik 1907. Der ging durch die Presse. Und wir haben gesiegt.
Ja, damals glaubte ich noch, daß Gewerkschaften im Kapitalismus etwas bewirken können. Aber die Zeit in Gelsenkirchen und das drumherum hat mich eines Schlechteren belehrt. Gewerkschaften sind nur dazu da, den Kapitalismus am Leben zu erhalten. Solange sie keinen Generalstreik ausrufen, wird sich nichts ändern.
Ich habe dann in den Sack gehauen und bin als Schauspieler übers Land gezogen. Und weil mein Name dafür nicht gerade eine Empfehlung war, habe ich mir einen neuen zugelegt, einen, der ein bißchen geheimnisvoll klang: RET MARUT. Zuletzt war ich in Düsseldorf am Schauspielhaus. Und habe sogar Abstecher nach Gelsenkirchen mitgemacht. Das war schon ein komisches Gefühl. Aber erkannt hat mich niemand.
Ich habe auch kleine Geschichten geschrieben, Schnurren und Satiren. Sogar zwei Romane (die wollte damals aber keiner drucken). 1916 bin ich dann nach München gegangen, wo ich eine politische Aufklärungszeitschrift herausgegeben habe, DER ZIEGELBRENNER. Damit habe ich einigen Leuten richtig Feuer unterm Hintern gemacht. Ja, ich konnte ganz schön wütend werden, wütend über den Krieg, die Politiker, die Kirche…In der Räterepublik habe ich sogar Ämter übernommen… und als die Räterepublik von sozialdemokratischen Ministern blutig niedergeschlagen wurde, mußte ich aus Bayern fliehen. Ich habe mich dann im Ausland versteckt, nachher in Berlin und in Köln. Und über England bin ich dann 1924 nach Mexiko gekommen. Neuer Name, neues Glück! Ab da war ich B. Traven.
Na, der Rest dürfte ja bekannt sein. Ich glaube, ich war einer der bekanntesten Schriftsteller aller Zeiten. 30 Millionen verkaufte Bücher. Übersetzt in 24 Sprachen. Ist doch was, oder? Und dann die Verfilmungen. Kann man heute ja alles nachlesen im Lexikon oder auf Wikipedia. Manchmal habe ich mir den Spaß gemacht, in meine Romane, die fast alle in Mexiko spielen, Erinnerungen an meine Zeit in Deutschland einzuflechten. Das ist den Leuten sogar aufgefallen. Aber auf die Schliche ist man mir trotzdem nicht gekommen. Na ja, lange nicht. 1978 hat dann ein Reporter vom englischen Fernsehen doch rausbekommen, wer ich wirklich war. Otto Feige aus Schwiebus in Brandenburg. Das ist heute polnisch. Soll sich aber kaum verändert haben.
Ich bin ziemlich alt geworden, 87. Siebenundachtzig! Aber auch nicht älter. Deswegen bin ich jetzt tot. Ein Grab habe ich nicht hinterlassen. Das wollte ich nicht. Statt dessen wurde meine Asche von einem Flugzeug aus über dem Dschungel von Chiapas ausgestreut. So wollte ich es haben.
Aber Sie, bitte tun Sie mir einen Gefallen: Nennen Sie mich nicht Otto. Sagen Sie Traven. B. Traven. Yessir.

                                                                      Aufgezeichnet von Jan-Christoph Hauschild

Mein Traum

Eine Plakette am Wohnhaus in der Königsberger Straße

Kommentare

jan, 06 Nov 10

Kleine Korrektur: Statt 118 (Jahre) muß es 128 heißen.

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