BO – Ruhr-Uni

Talking about my Generation: Ein szenisches Chorprojekt an der Ruhr-Universität Bochum mit Studierenden der Theaterwissenschaft.

BO – Ruhr-Uni

Kick off-Beitrag der Bochumer Theaterwissenschaft am 30. Januar 2010 im Grillo Theater

„Über das Elend im Studentenmilieu“ – Pamphlet der Situationistischen Internationale in Straßburg 1966 (Strichfassung der Bochumer Theaterwissenschaftsstudenten für den Kick off zu „Next Generation“ am 30. Januar 2010)

 

CHOR DER STUDENTEN

Der Student ist ein Wesen, das zwischen einem gegenwärtigen und einem zukünftigen Status steht, die säuberlich voneinander getrennt sind. Sein  schizophrenes Bewusstsein erlaubt es ihm, sich innerhalb einer vor der Geschichte geschützten Gegenwart einzurichten.

Innerhalb einer Überflussgesellschaft hat der Student den gegenwärtigen Status einer äußersten Armut. Das studentische Elend bleibt hinter dem der Gesellschaft des Spektakels zurück /hinter dem Elend des neuen Prekariats.  In einer Zeit, wo ein wachsender Teil der Jugend sich aufmacht, so früh wie möglich in die Beziehung einer offenen Ausbeutung einzutreten, bleibt der Student auf jeder Ebene auf einer verantwortungslosen folgsamen und „verlängerten Unmündigkeit“. Während seine verspätete jugendliche Krise ihn etwas in Opposition zu seiner Familie bringt, so akzeptiert er ohne weiteres, in den verschiedenen Institutionen, die sein alltägliches Leben regeln, wie ein Kind behandelt zu werden.

Wie ein stoischer Sklave glaubt er sich umso freier, je diskreter er kontrolliert wird. Genau wie seine neue Familie, die Universität, hält er sich für das gesellschaftliche Wesen mit der größten „Autonomie“, während er doch gleichzeitig und unmittelbar von den drei mächtigsten Unternehmen der Gegenwart abhängt: der Familie, dem Staat und den Medien. Der mechanisierte und spezialisierte Unterricht, den er empfängt, ist ebenso heruntergekommen, wie sein eigenes intellektuelles Niveau im Augenblick seines Studienantritts. Das herrschende ökonomische System verlangt die Massenherstellung ungebildeter und zum Denken unfähiger Studenten. Der Student ignoriert, dass die Universität zu einer institutionalisierten Organisation der Unbildung geworden ist, dass die „hohe Kultur“ selbst sich im selben Tempo wie die Serienproduktion von Professoren auflöst. Er hört seine Lehrer auch weiterhin mit Respekt, mit dem bewussten Willen, jeden kritischen Geist aufzugeben, um sich mit den anderen in der  Illusion einig zu fühlen, „Student“ geworden zu sein, in der Hoffnung, man werde ihm auch die letzten Wahrheiten anvertrauen. Das sind die Wechseljahre des Geistes. Alles, was sich heute in den Amphitheatern der Schulen und Fakultäten abspielt, wird von uns als gesellschaftlich schädlicher Lärm verurteilt.

 

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EINZELTEXTE DER STUDENTEN

Diese ganze Debatte geht aber über die Köpfe der Studenten hinweg und entgeht ihnen völlig. Die Gesamtheit ihres Lebens und erst recht des Lebens überhaupt entgeht ihnen. Die Fähigkeit des Studenten, einen Militanten jeden Kalibers abzugeben, sagt viel über seine Impotenz. Trotz seines mehr oder weniger flexiblen Stundenplanes ignoriert der Student immer noch das Abenteuer und zieht die ihm knapp bemessene alltägliche Raumzeit vor. Ohne dazu gezwungen zu sein, trennt er von sich aus Arbeit und Freizeit, wobei er eine scheinheilige Verachtung für die "Büffler" und diejenigen an den Tag legt, die "den Scheinen nachjagen". Er ist so dumm und so unglücklich, daß er sich sogar spontan und massenweise der parapolizeilichen Kontrolle von Psychiatern und Psychologen anvertraut.

Das wirkliche Elend des studentischen Alltags findet aber seinen unmittelbaren und fantastischen Ausgleich in seinem hauptsächlichen Opium: der kulturellen Ware. Im kulturellen Spektakel findet der Student ganz natürlich seinen Platz. Nahe am Ort der Produktion, aber ohne ihn jemals zu betreten - das Heiligtum bleibt ihm untersagt - entdeckt der Student die "moderne Kultur" als bewundernder Zuschauer. In einer Epoche, wo die Kunst tot ist, bleibt er der gierigste Konsument ihres Leichnams. Er nimmt ohne Vorbehalt, ohne Hintergedanken und ohne Distanz daran teil. Er bestätigt vollkommen die banalsten Marktanalysen: ostentativer Konsum, Differenzierung in der Werbung zwischen Produkten gleicher Nichtigkeit.

Der Student ist wie jedermann stolz darauf, die Taschenbuchausgaben einer Reihe wichtiger und schwieriger Texte zu kaufen. Nur kann er nicht lesen. Seine bevorzugte Lektüre bleiben die Fachzeitschriften, die den wahnsinnigen Konsum an Kulturgadgets orchestrieren; willig akzeptiert er ihre Werbebefehle und macht daraus das Standardmuster seines Geschmacks. Mithilfe solcher Führer glaubt er, an der modernen Welt teilzuhaben und sich mit der Politik vertraut zu machen.

Denn der Student freut sich mehr als alle anderen, politisiert zu sein. Bei ihm findet man das falsche politische Bewusstsein im Reinzustand. Sicherlich gibt es trotz allem unter den Studenten einige von genügendem intellektuellem Niveau. Diese meistern ohne Mühe die elenden Leistungskontrollen, die auf die Mittelmäßigen zugeschnitten sind, weil sie das System durchschaut haben, es verachten und wissen, daß sie seine Feinde sind. Indem sie Lücken der Kontrolle ausnutzen, treiben sie ruhig die Unruhe bis auf die Spitze: ihre offene Verachtung für das System paart sich mit der Hellsichtigkeit, die es ihnen gerade ermöglicht, stärker als die Diener des Systems zu sein - und zwar zuerst auf intellektuellem Gebiet. Der Student ist ein Produkt der modernen Gesellschaft, genau wie Godard und Coca-Cola.

 

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DIE REVOLUTIONÄRE FETE

Für sich genommen ist die "Jugend" ein Werbemythos, der bereits mit der kapitalistischen Produktionsweise als Ausdruck ihrer Dynamik tief verbunden ist.

Das Prinzip der Warenproduktion ist der Verlust des Ichs in der chaotischen und unbewussten Schaffung einer Welt, die ihren Schöpfern völlig entgleitet.

Die radikale Kritik und die freie Neukonstruktion aller von der entfremdeten Wirklichkeit aufgezwungenen Werte und Verhaltensweisen sind sein Maximalprogramm und die befreite Kreativität bei der Konstruktion aller Augenblicke und Ereignisse des Lebens ist die einzige Poesie, die es anerkennen kann; die Poesie, die von allen gemacht wird, der Beginn der großen revolutionären Fete. Die proletarischen Revolutionen werden Feten sein oder sie werden nicht sein, denn das von ihnen angekündigte Leben wird selbst unter dem Zeichen der Fete geschaffen werden. Das Spiel ist die letzte Rationalität dieser Fete, Leben ohne tote Zeit und Genuß ohne Hemmnisse sind seine einzig anerkannten Regeln.

 

 

 

Kommentare

Philipp Da_nil, 25 Mar 11

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